Wanderfahrt Wattenmeer (Fedderwardersiel)

20.06.2011 - 26.06.2011

"Robben gucken inklusive"

Ganz entgegen meiner bisherigen Vorbehalte gegenüber einer Wanderfahrt im Wattenmeer der Wesermündung, verbrachte ich eine ausgesprochen schöne Woche im Yachthafen von Fedderwardersiel und der Umgebung.
Der Yachthafen Fedderwardersiel vom Butjadinger Yachtclub e.V. ist gleichermassen für Jollen und auch Dickschiffe die trockfallen können geeignet.
Der idyllisch gelegene Yachthafen verfügt über ein wunderschönes Clubhaus mit den sanitären Einrichtungen. Waschmaschine und Trockner stehen ebenfalls dort für die Gäste bereit. Daneben verfügt der Yachthafen noch über einen überdachten Grillplatz, den wir gerne zum "Schlechtwetter-Speisezimmer" und "Trockenraum" gemacht haben.
Der sehr gut zu befahrene Slip führt sehr flach in das Hafenbecken. Auto und Trailer können auf dem Gelände abgestellt werden. Die Zelte oder Wohnmobile der Wasserwanderer sind ebenfalls willkommen.
Die überaus hilfsbereite Hafenmeisterin ist fast den ganzen Tag über erreichbar und stets bemüht, dass alles reibungslos funktioniert.
Fazit: Der Yachthafen stellt einen hervorragenden Start- oder Basishafen für jegliche Jollenunternehmungen dar.

Die Anreise machte mir allerdings ein wenig Probleme. Bedingt durch eine Sperrung war ich gezwungen die etwas ausgefahrenen Strassen von Butjadingen zu nutzen. Teilweise waren die Flickstellen in der Teerdecke so unangenehm dicht in ihrer Abfolge, dass mein Trailer inklusive Boot wahre Bocksprünge machte. Um Bruch zu verhindern ging dann die Fahrt eben nur mit 30 km/h weiter.
Im Fischereihafen von Fedderwardersiel beinahe festgefahren fiel mir, zugegeben etwas spät das Schild und die Toreinfahrt zum Butjadinger Yachtclub auf.
Die Hafenmeisterin hatte extra für unsere Jollen mehere Plätze nebeneinander reserviert. Aufriggen, slippen und zum Liegeplatz verholen war schnell erledigt. Danach stand der Abend auf Klönschnack und Granat (wie die Nordseekrabbe hier genannt wird).
Im Restaurant "Nordseeblick", übrigens ein mehr als passender Name, habe ich mir dann einen Teller voll dieser kleinen leckeren Dinger gegönnt.
George und Hulle die mit ihrem LIS-Jollenkreuzer "Lündje" schon am Samstag angereist waren, versorgten mich beim Essen mit allerlei Informationen zum Revier, Ort und Leuten. Schön wenn sich jemand so gut auskennt.
Als wir später in den Yachthafen kommen, stand ich ein wenig irritiert vor meinem Schiff. Da lag es ein wenig schräg im Hafenbecken. Und die Festmachen waren auch noch richtig stramm.
George erklärte mir dazu: "Tja, das Boot braucht halt immer ein paar Tiden bis es so richtig in den Schlick passt." Alles klar.
Geschlafen habe ich jedoch gut auf meinem schräg liegenden Boot. Selbst das wieder einlaufende Wasser hatte mich nicht wecken können.

Am nächsten Morgen, für mich ohne Frühstück, fuhren (trieben) wir bereits ein wenig spät mit dem ablaufenden Wasser mit ca. 1,5 kn ohne Wind Richtung Nordsee. An einigen Stellen lagen die Sandbänke schon trocken und Robben hatten sich zum ausruhen darauf zurückgezogen. Ein paar "halbstarke" schwammen völlig unbeeindruck von unserer Gegenwart spielend und schreiend dicht an unseren Booten vorbei. Tauchten ab um dann an ganz anderer Stelle wieder aufzutauchen.
"Wie machen die das nur?" - Fragte ich mich. Das Wasser war durch den aufgewühlten Schlick für mich einfach nur trübe und völlig undurchsichtig.
"Klasse" dachte ich bei mir "Robben gucken inklusive".
Laut Plan wollten wir am Leuchtfeuer "Hoher Weg" ein Picknick machen. Dann endlich. Wind. Segeln auf der hohen Kante wie im Bilderbuch. Allerdings baute sich hier in der Nähe zum Weserfahrwasser ein ganz schöne Welle auf. Klar wenn die Wattkante plötzlich mal eben auf 15m Tiefe geht!
Kreuzend erreichten wir die Sandbank die den Leuchtturm umgibt. Wegen der Tide blieb nur wenig Zeit. Ein kurzer Überblick und wieder zurück zu den Booten die schon wieder viel weiter draußen lagen als vor noch wenigen Minuten. Der Strom war bereits gekentert (das Wasser lief wieder auf).
Ganz schön spannend.
Mein GPS zeigte, dass wir fast den gleichen Kurs wieder zurücksegelten wie den auf dem wir gekommen waren. Nur eben erheblich schneller durch die Unterstützung des Stroms. Und auf der Kreuz gegen Wind aus SW. Kurz vor Fedderwardersiel erwischte uns dann noch mal ein kräftiger Regenguss.
"Schön. Mein Trockenanzug liegt ja schön trocken im Vorschiff" - ging mir durch den Kopf.
Das Goldstück von Hafenmeisterin hatte das drohende "Unheil" bereits kommen sehen und uns die Heizung im Clubheim aufgedreht. Einfach nur klasse.
Die Nordsee ist im Gegensatz zur Ostsee sehr viel salziger. Daher trocknen die Klamotten die mit Meerwasser durchtränkt wurden nicht wirklich ohne sie vorher mit Süsswasser zu spülen. Das war für mich persönlich eine ganz wichtige Erfahrung, denn nasse Kleidung wärmt nicht.

Hulle gönnte sich am nächsten Tag einen Hafentag. Daher ergab sich für George und mich die Gelegenheit noch eine Fahrt in einem Boot zu unternehmen.
An diesem Tag war uns Rasmus wieder nicht sehr gewogen und wir trieben mit leichtem Wind in Richtung Nordsee. Die Fahrt sollte über den Mittelpriel auf die andere Weserseite führen. Aber auch hier war wieder mal das Zusammenspiel von Wind und Tide sehr wichtig. Verliert man zuviel Zeit wegen zur geringer Windstärke, dann läuft einem im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser weg. Im Wattenmeer kommt man eben nicht immer überall hin. Die zweite Erkenntnis die ich von dieser Wanderung mitgebracht habe.
Wir kehrten also am Ende des Prickenweges im Mittelpriel bei weiter zunehmenden Wind und Welle um in Richtung Fedderwardersiel. Unser Zielhafen lag zwar schon querab jedoch hätten wir es nicht vor Niedrigwasser über die Sandbänke geschafft. Wir erlebten abermals eine nasse aber auch rauschende Fahrt unter einem bedrohlich wirkendem schwarzen Himmel.

Für den folgenden Tag war die Ankunft von weiteren Mitseglern geplant daher haben wir uns ein wenig Bremerhaven angeschaut bzw. George zeigte mir Bremerhaven.

Hulle verzichtete am folgenden Tag auf ihren Platz auf Lündje. Somit waren die beiden hinzugekommenen Mitsegler schnell auf die beiden Boote verteilt. Nach dem Frühstück ging die Fahrt wieder in Richtung Leuchtfeuer "Hoher Weg". Diesmal sollte es wirklich für ein Picknick reichen. Der Wind war auf jeden Fall günstig. Auch an diesem Segeltag war wieder alles dabei. Regen, Welle, Wind in rauhen Mengen aber auch Sonnenschein und Surffahrten von 10 kn über Grund !!
Glücklicherweise waren wir an diesem Tag zu zweit. Alleine wäre ich selbst mit dem zweiten Reff im Groß nicht sehr weit gekommen.
Genau in einer Starkwindphase mit hoher Welle fiel plötzlich die Fock im Vorliek immer mehr ein. Ich nahm zunächst an, dass das Fall gerissen sein musste. Das Ersatzfall war aber nicht an Bord. Es hätte auch nicht viel genutzt, da wir den Mast hätten legen müssen um das neue Fall über die Scheibe am Mastbeschlag zu legen. Falscher Alarm. Durch das fortwährende eintauchen in die hohen Wellen hatte sich glücklicherweise nur die Talje zum durchsetzen des Fockfalls gelöst. Ich steuerte das Schiff daher zunächst mal in ruhigeres Wasser um auf das Vorschiff klettern zu können und um dort die Talje wieder durchsetzen zu können. Aber selbst im vermeintlich ruhigen Wasser bockte die alte Dame ganz schön.
Noch mit ablaufendem Wasser erreichten wir den Leuchtturm. Wir würden also noch mindestens bis zum Niedrigwasser Zeit haben unser geplantes Picknick auf dem Turm zu genießen. Diesmal ging der Plan voll auf. Der Himmel riss auf und wir wurden von der Sonne verwöhnt. Während wir unseren Imbiss nahmen, zogen im Weserfahrwasser die Giganten der Meere vorüber.
Auf der Rückfahrt brachte uns eine Dünung, achterlicher Wind gepaart mit der Flut unter höchster Aufmerksamkeit der Steuerleute so richtig in Fahrt. Das passte wie die berühmte Faust aufs Auge. Am Abend trafen wir noch einen weiteren Mitsegler. Martin hatte jedoch kurzfristig wegen akuter Rückenprobleme absagen müssen.
Junge du hast echt was verpasst. Nochmals gute Besserung.
Nach einem gemeinsamen Essen im Bistro Ebb un Floot verholten wir uns wieder in unsere Boote und Zelte.

Der letzte gemeinsame Segeltag brachte auch wieder gemischtes aber anspruchsvolles Wetter. Abermals brachte uns ein kräftiger WNW-Wind auf der Kreuz immer wieder in Gleitfahrt. Wir lernten auf Geräusche zu achten die eine Grundberührung erzeugt und wie man ein Ruderfall notdürftig flickt. Wie stark auflaufendes Wasser sein kann. Und wie tief man ich Schlick versinken kann.
Die Einfahrt in den Yachthafen von Fedderwardersiel ist erst ca. 2 Stunden nach Niedrigwasser wieder zu befahren. Weil ein Mitsegler seinen Zug in Bremerhaven pünktlich erreichen musste waren wir zu früh am Yachthafen. Wir machten einen Ausflug in den Fishereihafen von Fedderwardersiel der auch bei Niedrigwasser befahrbar ist. Am Anleger der Soltwaters Wattenseglervereinigung, an dem man 3 Tage unendgeldlich liegen kann, haben wir festgemacht.
Das Beste an diesem Anleger war aber die Entfernung zum "Kiosk" der blauen Fischbude direkt am Ende des Fischereihafens. Diese Bude ist ein "Muss" für jeden Besucher von Fedderwardersiel.

Die fast 90 Seemeilen im Nationalpark Wattenmeer werden mir sehr in Erinnerung bleiben. Denn eins habe ich sicher gelernt: Wattsegeln ist anspruchsvoll und ganz schön spannend.
Die Nordsee und ihr Wattenmeer werde ich nicht zum letzten mal besegelt haben.

Udo Borowski
G 1631