Wanderfahrt Grevelingen Meer (NL)
14.10.2011 - 16.10.2011
"Und das Wetter spielte auch noch mit"
Es konnte daran liegen, dass der Termin möglicherweise für das Absegelevent 2011 der Lis-Klassenvereinigung zu kurzfristig angesetzt worden war, oder vielleicht waren auch schon die meisten Jollen und Jollenkreuzer bereits im Winterlager. Sicher war nur, dass das Absegelevent an diesem Wochenende nicht stattfinden würde. Schade.Ich hatte mir das Wochenende jedoch extra reserviert. Das Boot war reiseklar und der Skipper wild entschlossen es mit den Elementen aufzunehmen.
Glücklicherweise sollte es nicht bei einer einsamen Jollenwanderung bleiben. Mit noch einem weiteren unerschrockenen Lis-Segler ging es kurz entschlossen in Richtung Niederlande zum Grevelingen Meer.
Ich war, trotz der relativen Nähe zu meinem Wohnort (220 km), noch nie mit einem Schiff auf dem Grevelingen Meer. Leider. Das sollte sich an diesem Wochenende ändern.
Als Starthafen hatte ich im Vorfeld den Yachthafen Bruinisse direkt am Grevelinger Damm gewählt. Laut Internetauftritt mit nur allem erdenklichen Komfort ausgestattet. Zugegebenermaßen brauchen wir mit unseren Jollen keinen Kran um ins Wasser zu kommen. Und die meisten anderen Einrichtungen sind für die Dinghy-Fahrer auch eher uninteressant. Aber genau die Lage des Hafens hatte mich angelockt. Der Hafen hat im hinteren Teil (neue Erweiterung) eine Slipbahn für trailerbare Boote. Alles recht neu und prima angelegt.
Die Hafenausfahrt aus dem hinteren Teil des Hafens ist allerdings sehr flach. Die Crew eines 49er hat das leidlich erfahren müssen. Die Jungs hatten sich bei einer Grundberührung gleich das Schwert ruiniert und waren dann auch noch in der Einfahrt/Ausfahrt gekentert. Dumm gelaufen. Also: Vorsicht.
Aufgrund meiner späten Anreise, so informierte mich Tim, würde ich die Slipbahn nicht mehr nutzen können. Der Hafenmeister würde bei meinem Eintreffen schon Feierabend gemacht haben.
Dankenswerterweise gibt es am Grevelingen Meer aber auch Slipbahnen zu freien Nutzung. Eine solche, in mittelbarer Nähe zum Zielhafen auf N 51.676 und E 4.106, war also mein Ziel.
Am späten Nachmittag dann erreichte ich voller Vorfreude den vereinbarten Treffpunkt. Bei wunderschönem sonnigen Wetter und moderatem Wind bereitete ich meine Jolle auf den Slip vor.
Auf der eigentlichen Slipbahn war leider, auf halben Weg, ein Querbalken befestigt und führte somit nicht weit genug ins Wasser hinein. Neben dem Steg war es aber auch befestigt und glücklicherweise auch noch tief genug. Wieder einmal die Erkenntnis: So ein kleines Boot kommt fast überall ins Wasser. In kürzester Zeit war das Boot segelklar im Wasser und mit der Ausrüstung für die nächsten beiden Tage beladen.
Für einen ersten kurzen Schlag über das Revier sollte das Tageslicht noch reichen.
Segel auf und Leinen los ....
Kurs 326°. Genau in Richtung der beiden künstlich angelegten Inseln "Mosselbank". Dann zwischen den beiden Insel durch und Kurs Süd zum Yachthafen Bruinisse.
Das Wasser im Grevelingen Meer ist wunderbar klar aber auch sehr salzig. Ein ständiger Blick in die Karte war nicht zwingend nötig, da man die Wassertiefe sehr gut abschätzen konnte. Abseits der Betonnung wurde es meistens auch direkt flach.
Der Hafenmeister hatte Tim vorab mittgeteilt, wo wir uns für die kommende Nacht "hinlegen" könnten. Unter Segeln, glücklicherweise hier noch erlaubt, nahmen wir Kurs auf die Liegeplätze kurz hinter der Hafeneinfahrt. Würde der ONO-Wind weiter zunehmen, wären wir ihm und dem entstehenden Schwell ausgeliefert.
Nachdem wir mein Auto und den Trailer dann endlich zum Hafen geholt hatten, kam es wie es kommen musste. Der Wind hatte weiter aufgefrischt und ließ unsere Boote wie Korken im Hafenbecken auf- und abtanzen. Unter diesen Umständen hätten wir vermutlich kein Auge zugetan.
Uns wurde klar, dass wir uns in den hinteren Teil des Hafen zurückziehen müssten. Um nach einem ruhigeren Liegeplatz Ausschau zu halten, schlenderten wir die Stege nacheinander ab und wurden am letzten Steg fündig. Zwei Boxen zwischen sonst riesigen Schiffen waren leer und wunderbar ruhig. Kaum Wind und das Wasser fast völlig glatt. Also wieder zurück zu unseren "Schiffchen"
Nur Tim hatte einen E-Motor an seinem Jollenkreuzer. Ich jedoch hatte nur ein Paddel und jede Menge Mut an Bord. Tim probierte zunächst alleine nur mit dem E-Motor das Schiff zu bewegen. Gegen den Wind wurde das schon schwierig, aber es ging. Nachdem ich dann mit meinem Schiff längsseits am Haken hing, tasteten wir uns mit Strinleuchten und Taschenlampen ausgerüstet langsam zu unseren vorher ausgesuchten Liegeplätzen voran. Einige Zeit und viele Probleme später lagen wir Wind- und Schwellfrei wieder fest.
Eine Sorge blieb jedoch. Waren unsere Liegeplätze auch wirklich noch frei ? Oder würden uns, mitten in der Nacht, die richtigen Liegeplatzinhaber von dort vertreiben?
Der Petroleumdruckkocher durfte endlich sein abendliches Lied singen. Und nach einem guten Essen und einem Anlegerbier viel ich in einen erholsamen und ruhigen Schlaf.
Der neue Morgen begrüßte uns mit Kaiserwetter. Sonne und Wind. Ab Mittag sollte der Wind noch zunehmen und beständig aus südöstlicher Richtung wehen. Genau in die Richtung in die wir wollten. Nach der Morgentoilette, einer kalten Dusche, einem Frühstück mit duftendem Kaffee und einem sehr unterhaltsamen Besuch beim Hafenmeister, gingen die Segel wieder auf und die Leinen los.
Übrigens waren die Boxen in denen wir so wunderschön ruhig gelegen hatten im Hafenplan als belegt gekennzeichnet. Puhh ! Noch mal Glück gehabt.
Ich hatte mich trotz des schönen Wetters für den Trockenanzug entschieden und nach kurzer Zeit auch die Bestätigung erhalten richtig gehandelt zu haben. Im Hafen noch segelnd, sah ich mich zunächst jedoch schon vor meinem geistigen Auge den Anzug wieder ausziehen weil es schon sehr warm wurde.
Hinter der Hafenausfahrt führte das Fahrwasser dicht vorbei. Mit unseren Jollen jedoch wären wir darauf natürlich nicht angewiesen und kreuzten in einer größeren Lücke zwischen den Kurs NW laufenden Schiffen das Fahrwasser. Auf der anderen Seite angekommen, ließ ich das Schiff dann auf einen Raumkurs abfallen.
Vermutlich lockte das Wetter und natürlich das freie Wochenende viele Freizeitskipper auf das Grevelingen Meer, denn es herschte ein Verkehr wie auf der Autobahn. Zum Glück konnte uns das nicht sehr belasten. Wir blieben schön neben dem Fahrwasser und fast völlig alleine. Nur hin und wieder ein Polyvalk oder etwas ähnliches kreuzte unseren Kurs.
Tim fuhr mich, mit dem Gennaker auf seinem Jollenkreuzer, in Grund und Boden. Nach kurzer Zeit hatte er soviel Vorsprung herausgesegelt, dass er gemütlich noch ein paar Amwindkurse laufen konnte ohne die Führung einzubüßen.
Mit Gschwindigkeiten um die vier Knoten kamen wir unserem ersten Etappenziel der Inselgruppe "Archipel" schnell näher. Wir umrundeten die Inselgruppe gegen den Uhrzeigersinn und fuhren teilweise hoch am Wind in Richtung Westen zur Insel "Ossehoek". Spätestens hier bereute ich es nicht meinen Trockenanzug angezogen zu haben, denn der Wind hatte gut zugelegt und beschleunigte meine alte Jolle auf knapp 7 Knoten. Wir machten auf der Südseite der Insel für eine kurze Kaffeepause fest.
Nach der verdienten Pause, trieb es uns weiter in Richtung Westen zum Brouwersdam. Dazu mussten wir um die Landzunge von Port Zélande herum.
Unser Nachtquartier wollten wir auf der Inselgruppe "Archipel" beziehen und hatten nach dem kurzen Abstecher mit ein paar unschönen und harten Grundberührungen am Brouwersdam vorzeitig umgedreht.
Vor Einbruch der Dunkelheit wollten wir unser Ziel noch erreichen. Leider lag unser Ziel nun von uns aus genau in Windrichtung. Fast völlig alleine auf dem Wasser hatten wir viel Platz um ausgedehnte Kreuzschläge zu machen.
Die Sonne war hinter dem Horizont fast vollkommen verschwunden, als wir an einem kleinen Steg im Archipel festmachten. Argwöhnisch wurden wir und unser Treiben von der Besatzung eines großen Seglers am gleichen Steg beobachtet. "Na gut, dann eben kein Gegengruß" dachte ich mir als mein deutliches Kopfnicken mit erhobener Hand unbeantwortet blieb. Ist wohl nicht überall üblich zu grüßen.
Die kleine Insel hinter unserem Steg schützte uns gegen den Wind und den Schwell aus OSO recht gut. Würde der Wind jedoch mehr nach Süden drehen, dann könnte die Nacht jedoch unruhig werden.
Mein Nachtlager baute ich bereits in fast völliger Dunkelheit auf.
Als das Essen fertig war, haben wir zusammen noch eine ganze Weile auf dem Steg gesessen und den Plan für den nächsten Tag besprochen. Sterne beobachtet und Ideen für weitere gemeinsame Fahrten entwickelt.
Der nächste Morgen. Die Sonne lugte nur sehr schüchtern über den Horizont als mein Handywecker mich unsanft aus den Träumen riss. Um rechtzeitig wieder am Starthafen einlaufen zu können und der Marina Port Zélande noch zu besuchen, war ablegen für Acht geplant.
Bei schönem Wind, um die 3-4 bft, machten wir uns nach dem Frühstück auf den Weg zum ersten Etappenziel des Tages. Bei rauschender Fahrt war ich froh, an diesem frischen Morgen, wieder in meinem Fleece-Overall, Trockenanzug und winddichter Mütze zu stecken. So früh am Morgen schaffte die Sonne es noch nicht wirklich die Luft zu wärmen.
Als wir durch die Einfahrt in das Hafenbecken der Marina segelten, war das ein beeindruckendes Gefühl. Schiffe deren Größe man nur annährend schätzen konnte. Auf einigen stand es glücklicherweise drauf. 48 oder 62. Wow !
Der angeschlossene Ferienpark machte ein recht verschlafenen Eindruck. O.k. wir waren auch schon früh unterwegs und vermutlich schliefen die meisten Gäste noch. So still und leise wie wir in den Hafen gekommen waren, ließen wir ihn nach einer kleinen Runde auch wieder hinter uns. Kurz hinter der Ausfahrt dann: "neuer Kurs 90°". Somit also hoch an den Wind. Wir konnten den ersten und den nächsten Kreuzschlag noch recht großzügig lang gestalten. Die Rückfahrt wurde ungleich anstrengender gegenüber der Hinfahrt, wehte uns doch der Wind nun genau aus der Zielrichtung ins Gesicht.
Nach den ersten langen Schlägen hätte ich Tim, der nun seinerseits zurück lag, beinahe aus den Augen verloren. In der Zwischenzeit waren nämlich wieder unzählige Segler aufgebrochen und nahmen mir mit ihren riesigen Tüchern die Sicht auf die zugegeben kleinen hellblauen Segel von Tim's Jollenkreuzer.
Zwischen den Inseln Veermansplaat und Stampersplaat werden die Kreuzschläge kürzer. Nach einer Grundberührung, obwohl das Schwert schon nicht mehr ganz unten war, nutzte ich dann auch nicht mehr die volle Breite. Die "Großen" tragen zwar viel mehr Tuch, aber bis die nach einer Wende wieder in Fahrt kommen vergeht echt Zeit. Und doch hatte ich eine unangenehme Begegnung mit einem "Dicken". Meine Segel auf Bb führend glaubte ich mich in Sicherheit. Der "Dicke" glaubte vermutlich Vorrang nach Masse zu haben. Ein Grad mehr Steuerbordkurs hätte für ihn vermutlich 5m mehr Abstand zu meiner Nussschale gebracht. "Regattasegler oder Was" wollte ich ihm noch rüberrufen. Ich war aber viel zu geschockt überhaupt etwas sagen zu können als er haarscharf an meinem Heck vorbei fuhr. Wegen der hohen Bordwand konnte ich den Steuermann noch nicht einmal sehen.
Wind mit 3 bft aus SSO brachte mich hoch am Wind meiem Ziel schnell näher bringen. Hin und wieder konnte ich sogar einen Blick auf die Segel von Tim werfen.
Im Fahrwasser segelnd kam ich mir vor wie ein Geisterfahrer. Das Ziel der Dickschiffe war ganz klar entgegen meinem. Raus.
Ich wäre ihnen nur zu gerne gefolgt. Jedoch das Wochenende war ganz einfach um und mein Zielhafen der Yachthafen Bruinisse direkt vor mir.
Wer weiß. Vielleicht komme ich schon bald wieder her.
Udo
G 1631